„In Defense of Food“

Michael Pollan – In Defense of Food. An Eater’s Manifesto (Lebens-Mittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn)

Michael Pollans Bücher rund ums Essen und die Zubereitung von gutem (weil natürlichem) Essen gefallen mir immer sehr gut, weil sie immer einwandfrei recherchiert sind und Pollan wenig moralapostelisiert… Gleichzeitig bin ich jedes Mal aufs Neue erschrocken, in welchem Zustand sich die Nahrunsmittelindustrie befindet, und auch wenn sich einschränkend sagen lässt, dass sich Pollan auf die USA bezieht, wäre es naiv anzunehmen, nichts davon träfe auf uns zu.

In seinem In Defense of Food befasst Pollan sich allerdings nicht nur damit, dass Fast Food gutes Essen verdrängt – er nimmt sich auch Diät-Freaks vor. Das Manifest, das Pollan hier vorlegt, lässt sich in drei Sätzen klar zusammenfassen: Eat Food. Not Too Much. Mostly Plants (Iss Essen. Nicht zu viel. Hauptsächlich Pflanzen). Das sind drei sehr klare Aussagen, die an sich wenig revolutionären Charakter haben und die einem als logisch einleuchten sollten. Und doch scheint dem nicht so zu sein, denn wenn es ums Essen geht, so Pollan, ist die heutige Gesellschaft verunsicherter als jede andere Generation vor ihr.

Während Essen in der menschlichen Geschichte über Jahrtausende hinweg eine gesellige Angelegenheit war, der man sich nicht nur des Essens wegen sondern auch aufgrund der einen umgebenden Gesellschaft hingab, ist die Nahrungsaufnahme heute einer oft solitären Beschäftigung gewichen, die bestimmte Kriterien erfüllen muss: Zubereitung und Aufnahme müssen schnell gehen und billig sein. Wir wollen, dass Essen uns jung und gesund hält und greifen deshalb oft auf industriell verarbeitete Nahrung zurück. Dabei verlassen wir uns viel zu häufig auf Prädikate, die uns besonders nährstoffreiche Fertiggerichte anpreisen, oder hochgesundes (weil mit Vollkorn) Müsli, dessen Zuckergehalt schädlicher ist als irgendeine Vollfett-Version von naturbelassenem Joghurt oder Milch von glücklichen Weidekühen. Und damit wären wir bei zwei Aspekten moderner Ernährungstheorien,  mit denen Pollan die größten Probleme hat: der zunehmende Fokus auf „Nährstoffe“ und die Verteufelung von Fett, während wir glücklich Zucker (und all seine künstlichen Ersatzformen) in immer größeren Mengen zu uns nehmen.

Das Problem mit den Nährstoffen, das Pollan auf seine ihm eigene, leicht süffisante, Art anspricht ist folgendes: Ernährungswissenschaftler schießen sich auf die positiven Effekte einzelner Nährstoffe ein und verlieren dabei aus dem Blick, dass diese oftmals nur in Wechselwirkung mit anderen Bestandteilen funktionieren, dass man sie also kaum isolieren und künstlich bestimmten Nahrungsmitteln zufügen kann. Pollan zieht hier Aussagen renommierter Wissenschaftler hinzu, die davon berichten, dass ihre Forschungsergebnisse auf Drängen diverser Lobbyverbände vereinfacht wurden:

„…those sections of the report were written as though it was the vitamin C in the citrus or the beta-carotene in the vegetables that was responsible for the effect. I kept changing the language to talk about […] ‘foods that contain carotenes.’ Because how do you know it’s not one of the other things in the carrots or the broccoli? There are hundreds of carotenes”

(“… diese Absätze in dem Bericht waren so formuliert, als ob es das Vitamin C in den Zitrusfrüchten, oder die Beta-Karotine im Gemüse seien, die für die Effekte verantwortlich waren. Ich habe diese Formulierungen immer wieder verändert sodass sich die Aussage auf ‚Nahrungsmittel die Karotine enthalten‘ bezogen. Wie sollen wir schließlich wissen, ob die Effekte nicht durch andere Stoffe in den Möhren oder dem Brokkoli hervorgerufen wurden? Es gibt hunderte verschiedene Arten von Karotinen“)

Im Hinblick auf die heutige Obsession mit möglichst fettarmer Ernährung, beruft er sich unter anderem auf einen wissenschaftlichen Artikel aus dem Jahr 2001:

„It is now increasingly recognized that the low-fat campaign has been based on little scientific evidence and may have caused unintended health consequences“
(„Immer weitere Kreise erkennen, dass die Fettreduzierungs-Kampagne auf nicht sehr stichhaltigen wissenschaftlichen Fakten beruht, und dass sie unvorhergesehene gesundheitliche Konsequenzen nach sich gezogen haben könnte.“)

Das Buch bietet eine unterhaltsame Zeitreise durch die Geschichte der amerikanischen Lebensmittelindustrie und nebenbei auch einige interessante (teils schockierende) wissenschaftliche und ethische Erkenntnisse zu Herkunft und Qualität unseres Essens. In erster Linie aber will Pollan nicht die Lust auf gutes Essen verderben, und vor allem will er mit seinem Werk zu keiner Art Diät oder anderer verkrampfter Ernährungsweise aufrufen, im Gegenteil: Essen (und seine Zubereitung) soll wieder Spaß machen und wir sollen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie wir möglichst schnell, oder möglichst kalorien- oder fettarm essen können:

„Regarding food as being about things other than bodily health – like pleasure, say, or sociality or identity – makes people no less healthy; indeed, there’s some reason to believe it may make them more healthy.“

(„Es ist nicht gesundheitsschädlich, Essen nicht als bloße Medizin zu betrachten, sondern es aus Freude am Genuss, Freude am geselligen Beisammensein, oder als Ausdruck seiner Identität zu sehen. Tatsächlich scheint es ganz so, als wäre eine derartige Einstellung zum Essen gesundheitsfördernd.“)

In diesem Sinne: Eat Food and Enjoy!

Hinweis: Bei dieser Rezension handelt es sich um eine leichte Abwandlung meines Originals, das vor einigen Jahren auf meinem Literaturblog www.lesemanie.com erschienen ist.

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